Gesellschaft

Achtsamkeit im Hamsterrad

Bild: Pixabay

Mit Wellness hat es Ende der 1990er begonnen, Yoga boomt nach wie vor und jetzt ist Achtsamkeit angesagt – uns selbst, dem was wir tun und auch anderen gegenüber. Aber Achtsamkeit ist kein Programm, das man absolviert.

Es ist eine Einstellung, die man lernen kann. Lernen, seine Umwelt wieder aufmerksamer wahrzunehmen, um die Welt mit anderen Augen zu sehen. Zu sich selber zu finden und genau dort zu bleiben. So die Theorie.

Selbstoptimierung für wen?
Aber ist der neue Boom um die Achtsamkeit nicht nur noch ein weiteres Mittel zur Selbstoptimierung? Ein Weg, um noch besser zu funktionieren? Rauch weniger, trink weniger, geh laufen, ernähr dich glutenfrei, mach Yoga, mach deine Achtsamkeitsübungen! Das sind lauter Diktionen, die die Sache an sich ad absurdum führen und im Endeffekt – so hat man den Eindruck – dazu da sind uns als Menschen im Hamsterrad zu optimieren, im Beruf zu funktionieren, im zwischenmenschlichen Wettkampf zu bestehen, wer das bessere Leben hat und der Gesellschaft weniger zu kosten, ein sinnvoller Teil dieser zu sein. Nicht damit es dem Einzelnen besser geht und auch nicht damit dadurch das Zusammenleben freier und toleranter wird.

Funktionieren um jeden Preis?
Wer kennt das nicht: Drei Wochen Traumurlaub auf Mauritius, eine Yogawoche in Kroatien, ein Wellnesswochenende in den Bergen Tirols – danach ist alles gut, danach funktioniert man wieder. Doch nach dem ersten Tag im Büro fühlt man sich als wäre man nie weggewesen. Die Zeit ist wie im Flug vergangen und da setzt die Achtsamkeit an: Seid da, seid im Moment. Ok, aber wie?

Inszenierung wofür?
Mir hat einmal ein sehr schlauer Mensch gesagt: Lebe so, dass du Urlaub gar nicht erst brauchst. Und dahin führt die Achtsamkeit. Das heißt nicht, dass eine Reise oder ein Ausflug nicht erfüllend sein können. Es heißt, dass alles was gut tut in den Alltag rein gehört – auch in den Urlaubsalltag. Achtsamkeit ist überall und macht Inszenierung überflüssig, oder funktioniert mit Inszenierung erst gar nicht. Auf dem Gipfel eines Berges zu stehen und der Sonne zuzusehen wie sie langsam versinkt, lässt uns in uns selber versinken. Das ist Achtsamkeit. Zu überlegen, wie daraus der perfekte Instagram-Post werden könnte eher nicht.

Es sind nicht die kleinen Dinge
Es geht also nicht darum, achtsamer zu werden um das Beste aus sich heraus zu holen oder auf allen möglichen Kanälen sein Glück zur Schau zu stellen. Es geht nur darum, gut zu sich zu sein, einfach da zu sein, jeden Aspekt seines Lebens bewusst wahrzunehmen und der Rest kommt von selbst. Gönnt euch immer, gönnt euch jetzt. Aber wählt weise. Wählt was ihr wirklich braucht in dem Moment, jetzt gerade. Jetzt gerade kannst du dir kein Auto kaufen, jetzt gerade kannst du dir vielleicht nichtmal ein Stück Schokolade reinziehn, weil keine im Haus ist. Also was ist es? Wie finde ich zu mir selbst und wie bleibe ich dort?

Achtsamkeit liegt im Moment begraben
Es sind nicht die kleinen Dinge des Lebens, es sind die die dein Hirn gerade ausspuckt. Deine Katze rumschupfen. Deinem Partner Sauerrahm ins Gesicht schmieren. Eine Kerze anzünden. Seid impulsiv, seid frei, lasst los, seid da, seid im Moment – dann kommt der Rest von selbst. Das ist Achtsamkeit. Seid still, legt euch auf den Boden und beobachtet und ihr werdet merken, es ist einfach da.

Und wofür das Ganze? Was hat man dann davon? Gegenfrage: Muss alles einen Output haben? Sinn entsteht nicht über Output.