Populärkultur

Lost

Die Geschichte eines Mannes, der mit seiner Frau nicht nur seine Gefühle verloren hat, sondern vielleicht sogar seinen Verstand.

Und genau das macht Philippe Djians Helden zu einem unzuverlässigen Erzähler. Francis, mäßig erfolgreicher Autor, macht aus allen Ereignissen in seinem Leben eine bedeutungs-lose Abfolge, ein gefühl-loses Aufzählen von Begebenheiten, die in sich emotions-los sind. Wütend macht Francis nur das Zugrundegehen der Welt, und dass dies niemanden zu interessieren scheint. Dieses Lose, also diese Leere, macht Schwarze Tage, weiße Nächte verstörend traurig.

Die Affäre mit Nicole, die er nicht beenden kann, obwohl diese abnorm zu sein scheint und ihn trotzdem süchtig macht, steht dafür, dass es keinen Ausweg aus seiner Situation gibt. Seine Trauer ist gleichsam zur Sucht geworden, Identitäten lösen sich auf und haben keinen Wert mehr.

Pornographische Szenen werden heruntergebetet wie Restaurantnamen in Bret Easton Ellis‘ American Psycho, Selbstreflexion sucht man vergeblich, und so wird er auch sich selbst zum Fremden. Albert Camus hat dieses existentialistische Spiel durchexerziert, doch im Gegensatz zu Camus erlöst Djian seinen Helden nicht und überlässt die Interpretation des Gelesenen seinen RezipientInnen, fordert sie sogar nachdrücklich dazu auf:

„Was mich betrifft, erhebe ich nicht den Anspruch, auf jede dieser Fragen eine befriedigende Antwort geben zu können. Aber dennoch stehen sie im Raum. Es bleibt jedem überlassen, sie nach bestem Wissen und Gewissen zu untersuchen. Mit unparteiischem Blick, mit mutigem Blick mit unbarmherzigem Blick, der einen Stein durchdringen könnte.“
– Seite 290

So genau muss man sich also umsehen im Verlorenen – oder sich selbst im Spiegel betrachten, aber:

„Das Leben ist viel zu kurz, und die Spiegel werden nicht immer so nachsichtig bleiben.“
– Seite 283

 

Djian, Philippe: Schwarze Tage, weiße Nächte. Diogenes Verlag: Zürich 2003
Taschenbuch
432 Seiten
ISBN: 978-3-257-23364-3