Gesellschaft

Kind oder Karriere. Und sonst?

Bild: Pixabay

Ich bin über 30 und habe noch kein Kind. Nicht einmal in Planung. Und nein, ich bin nicht gerade dabei, eine Karriereleiter steil hinaufzuklettern. 

Neulich am Schalter beim Gynäkologen: „Wollen Sie die Pille nicht schön langsam mal absetzen? Sie wissen schon, die biologische Uhr wartet auf niemanden!“ Ich war sprachlos. Biologische Uhr? Ich? „Nein danke“, sagte ich, perplex. „Das braucht noch Zeit.“ Die Sprechstundenhilfe nickte wissend. „Ah, der Job! Karriere ist auch nicht immer so wichtig wie alle denken!“

Da hat alles angefangen. Bis dahin hatte ich mir noch nicht überlegt, ob ich schon oder überhaupt Kinder haben möchte. Oder ob ich eine Karriere im klassischen Sinne habe. Plötzlich stolperte ich täglich über Artikel mit den Themen ‚Regretting Motherhood‘, ‚Kind oder Karriere‘ und ‚Arbeitende Mütter‘. Schwangere auf der Straße. Überzeugte Karrierefrauen auf Netflix. Die Denkmaschine in meinem Kopf war angesprungen.

Kind oder Karriere
Meine Freundinnen bekommen gerade alle Babys. Jedes Mal freue ich mich wirklich und höre zu – es interessiert mich, was sie in ihrer Welt Neues erleben. Doch nie bin ich auf die Idee gekommen, über ein Baby in meiner Welt nachzudenken. Ich habe ein erfülltes Leben. Einen Job der mir Spaß macht – ohne Leiter, weil ich es so will. Einen Mann, den ich liebe – ohne Heirat, weil wir das so wollen. Einen Kater, den ich schätze – ohne dass er als Babyersatz herhalten muss. Freunde, die zu sich selbst stehen und mich sehen, seit ich denken kann. Teilzeitprojekte, Schreiben, Malen, Musik machen. Das alles fordert meine ganze Energie, meine ganze Aufmerksamkeit und füllt mich aus. Aber manchmal will ich auch mal leer sein. Mich komplett fühlen und wieder zerbrechen um mich neu zusammen zu setzen. Wo hat da eine Karriere Platz, wo ein Kind?

Neuer Egoismus
Das alles hat nichts damit zu tun, dass ich mich noch nicht festlegen möchte. Dass ich mich noch ausprobieren muss. Nein, ich bin bei mir. Viele sagen, es sei egoistisch, keine Kinder zu bekommen. Im öffentlichen Diskurs scheint es aber mittlerweile ok zu sein, wenn der Kinderwunsch aufgrund der Karriere zurückgestellt wird. Ist es dann noch egoistischer der Gesellschaft gegenüber, auch keine Karriereleiter hinaufzuklettern? Mittlerweile frage ich mich aber, was es mit Egoismus zu tun hat, wenn man seine Energie, seine Aufmerksamkeit und seine Liebe in andere Bereiche seines Lebens investiert. Ich bin emotionale Stütze für viele Menschen, die die Freude und den Sinn für sich verloren haben. Ich bin Nanny für meinen Neffen, Inspiration für meinen Mann, wertvoll für meine Arbeitskollegen. Jetzt gerade habe ich den perfekten Platz in meinem Leben gefunden ohne dass dieser Platz statisch wäre. Alles geht, alles fließt, meine Kreativität entfaltet sich. Ich mache, was mir gut tut und wo ich am Stärksten das Gefühl habe, bei mir zu sein. Das ist für mich Egoismus. Ist der schlecht?

Und sonst?
Ich bin genügsam. Die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren sich für mich nicht auf einen Babybauch oder eine Karriereleiter. Das Leben ist ein spannendes Abenteuer und jeder macht, was er am besten kann. Ich kann aus den Menschen heraus kitzeln, was ihnen Freude macht. Ich kann meinem Gefühl folgen, was andere als Luxus bezeichnen würden. Und sonst? Auch wenn es etwas esoterisch klingt: Ich spüre es nicht. Ich sehe es nicht. Weder Kind noch Karriere. Menschen sind was sie sind und tun was sie tun. Dieser Satz klingt leicht. Aber diese Tatsache zu akzeptieren ist es nicht.

Editierter Text erschienen bei Edition F.